Die autoritäre Revolte in Ostdeutschland

Vortrag und Diskussion mit Matheus Hagedorny und Felix Schilk

11. Januar 2019 | 19.30 Uhr | Kulturkino Zwenkau (Hugo-Haase-Str. 9, 04442 Zwenkau)

25. Januar 2019 | 18 Uhr | Kunstschule Schweina (Schloßstraße 10, 36448 Bad Liebenstein)

Im Feuilleton der deutschen Presselandschaft wurde in den vergangenen Monaten wieder verstärkt über den Begriff der „konservativen Revolution“ diskutiert, der eigentlich verschiedene völkisch-nationalistische Gruppierungen der Zwischenkriegszeit beschreibt. Ins Spiel gebracht hatte ihn der CSU-Politiker Alexander Dobrindt in einem Artikel für die Tageszeitung Die Welt. Er schrieb darin anerkennend, dass „eine konservative Revolution der Bürger“ und die „Besinnung auf Tradition und Werte“ im Gange sei. Auch Alexander Gauland, seines Zeichens Bundessprecher der AfD, machte sich jüngst diese Aufstandsrhetorik zu eigen, als er in einem Interview mit der FAZ einer friedlichen Revolution „gegen das politische System“ das Wort redete. Mit dieser Beschwörung einer notwendigen Revolution von Rechts, versuchen die beiden sich als konservativ verstehenden Politiker einer Entwicklung beizuspringen, die in der kontroversen Debatte um Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ im Jahr 2010 einen ihrer Ausgangspunkte hatte und die seit 2013 zunehmend auch auf deutschen Straßen wahrnehmbar ist. Damals hatten im sächsischen Schneeberg mehrere Tausend „besorgte Bürger“ gemeinsam mit Neonazis unter der Führung eines lokalen NPD-Politikers gegen die Schaffung einer Asylunterkunft demonstriert. Diese sogenannten „Schneeberger Lichtelläufe“ boten die Blaupause für eine ganze Reihe von fremdenfeindlichen Protestgruppen, die sich im Zuge der Fluchtbewegung im Jahr 2015 zu einem Großprotest unter der Führung der Dresdner Pegida-Initiative auswuchsen. Befeuert durch diese Proteste und unterstützt durch die geschickte Selbstinszenierung rechter Publizisten entspinnt sich seither eine politisch-mediale Debatte, in der auch dezidiert rechte politische Begriffe und Konzepte ein Revival erleben.

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Gebrauchsfertige Theoriebausteine

Die Neue Rechte entdeckt den Gebrauchswert des Marxismus

von Felix Schilk (Vollversion des Textes aus Jungle World 40/2018)

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die Hetzjagden von Chemnitz nach dem gewaltvollen Tod eines 35-Jährigen ausgerechnet am Karl-Marx Monument ihren Ausgang genommen haben. Über mehrere Tage hinweg bildete der Kopf des Philosophen die Bühne für das Instrumentalisierungskalkül einer rechten Parallelgesellschaft, die immer enthemmter zur Praxis schreitet und sich darin mit Ernst Jünger einig weiß: „Wir fragen nicht, ob dieses an sich so ist oder jenes so, sondern wir fragen uns, wie wir uns in unserer gegebenen Welt durchsetzen wollen. Wir sind mit Karl Marx der Meinung, daß es in erster Linie nicht darauf ankommt, die Welt zu interpretieren, sondern sie zu verändern.“ Der unweigerliche „Zerfall der Benimmregeln“ verschaffe der neurechten Sache dabei die dringend benötigte Robustheit und sei unvermeidlich, konstatierte eine Einschätzung auf dem Szeneblog Sezession.

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Der Archipel der Enthemmten

Über alternative Rechte, reaktionäre Linke und den „cultural war“ in den USA

von Felix Schilk und Tim Zeidler

Eine verbreitete Erklärung für den fulminanten politischen Aufstieg des Donald Trump lautet, dass seine Wählerbasis sich aus den enttäuschten und abgehängten, weißen und zumeist männlichen Reservearbeitern der deindustrialisierten Regionen rekrutiere, die zu den großen Verlierern des flexiblen und globalisierten Kapitalismus gehören, obwohl sie einst die demographische Mehrheit der Vereinigten Staaten stellten. In der an den Imperativen des Weltmarktes orientierten Politik der Demokraten und Republikaner sei heute kein Platz mehr für diese konservativen Sozialcharaktere und ihre anachronistischen Interessen, was Trump mit seiner politischen Zeitreise in die Vergangenheit zu nutzen wisse. Aus seinem „Make America great again“ spreche demnach die Sehnsucht nach einer Zeit, in der rege Arbeitsdisziplin und das emsige Verfolgen des american way of life noch mit verlässlichem sozialen Aufstieg in die Vorortsiedlungen vergütet wurden, während die strukturell rassistischen Selektionskriterien des Bildungssystems diese Privilegien absicherten. Der Archipel der Enthemmten weiterlesen